Lara Honegger

Ist denn heute alles fake?

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Alles fake? Dieser Frage sind wir in unseren Vorbereitungen und im Gottesdienst nachgegangen. Dabei stellten wir uns Fragen wie: Möchten wir immer die Wahrheit hören? Kann man sich selbst belügen? Ein paar Eindrücke und Ausführungen erhalten Sie in diesem Bericht.
Lara Honegger,
Über Wahrheit und Lüge
Insbesondere in Zeiten von Corona ist es von äusserstem Belang, dass wir uns auf die Medien verlassen können. Mit anderen Worten: Wir wollen keine Lügen aufgetischt bekommen. Im Alltag gilt dasselbe. Niemand wird gerne von seinen Mitmenschen belogen. Andererseits kann die nackte Wahrheit ziemlich verletzend sein.

Im Gottesdienst des vergangenen Sonntags wurde intensiv auf dieses Thema eingegangen. Zu Beginn wurden jeder Person ein grüner und ein roter Papierstreifen ausgeteilt. Diesen nutze das Publikum, um auf verschiedene Fragen zum Thema «Wahrheit und Lüge» zu antworten.
Danach folgten zwei nachgespielte Situationen aus dem Alltag, die zeigten, wie anspruchsvoll es ist, die Balance zwischen Wahrheit und Lüge zu halten. Zuerst konnte eine Begegnung zwischen zwei alten Bekannten beobachtet werden, die einmal so nachgestellt wurde, wie wir sie so oft erleben: sehr höflich und voller leerer Versprechen. Bei der zweiten Begegnung nahm keiner ein Blatt vor den Mund und man spürte selbst, wie unangenehm und vor den Kopf gestossen sich die Personen fühlten. Ist es hier also besser zu lügen?

In der zweiten Szene durfte man bei einem Elterngespräch zwischen einer Lehrperson und einer Mutter Mäuschen spielen. Der Schüler war nicht gerade der Muster- und Lieblingsschüler der Lehrperson, jedoch kamen bei der realen Situation sehr wenige konkrete Aussagen der Lehrperson. Sie versuchte die Problempunkte so zu verpacken, dass es sich nicht nur nach negativen Punkten anhörte. Wirklich konstruktiv war dieses Elterngespräch nicht – ein Sinnbild der momentanen Lage?
Im zweiten Elterngespräch legte die Lehrperson die Karten offen auf den Tisch und sprach die Probleme direkt an. Die Mutter blockte dabei komplett ab und versuchte die Fehler bei der Klasse oder der Lehrperson selbst zu suchen. Am Ende zeigten sich beide sehr unkooperativ und kamen zu keiner Folgelösung. Wie viel nackte Wahrheit kann ein solches Gespräch vertragen?

Die Szenen führten uns zu weiteren Überlegungen wie: Kommt man mit der Wahrheit weiter als mit vagen Andeutungen? Oder führt die volle Wahrheit bloss zu Verletzungen und Anschuldigungen? Schliesslich ist es weder ratsam, immer zu Schwindeln, noch ausnahmslos ehrlich zu sein. Was soll man als Richtlinie nehmen, um nicht von der Gratwanderung abzukommen?

Darauf antwortet die Bibel mit dem bekannten Gebot «Du sollst nicht falsch Zeugnis reden» und der Geschichte von den Hebammen, welche ihren Herrscher belügen, um Menschenleben zu retten (Exodus 1,8-20). Auch in unseren Vorbereitungssitzungen kam die Diskussion um Schutz auf und es wurde ein Beispiel genannt, wo die Mutter dem Kind verschwieg, dass sich der Vater umgebracht hat, um das Kind vor dieser schrecklichen Wahrheit zu beschützen. Einstimmig waren wir uns einig, dass es sich dabei um eine gute und gerechtfertigte Lüge handelte. Wie kann nun entschieden werden, ob es sich um eine notwendige und gute Lüge handelt?

Während des Gottesdienstes erarbeiteten wir folgende Erkenntnis: Eine Lüge ist nämlich gerechtfertigt, solange sie dem Leben dient. Denn der Schutz des Lebens steht über dem Schutz der Wahrheit. – Amen (so soll es sein).
Bereitgestellt: 23.09.2020     Besuche: 79 Monat 
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